Mai 30, 2008

Jean-Claude Kaufmann: Kochende Leidenschaft - Rezension


Jean-Claude Kaufmann: Kochende Leidenschaft
auszuleihen Uni Erfurt: Lesesaal, MS 6530 K21
und auch Jena, wie due weißt.


Die Soziologie des Kochens und Essens ist ein weites Feld. Sie ist Zivilisationsgeschichte, Evolutionstheorie, Anthropologie, Sittengeschichte und nicht zuletzt Kultur- und Gesellschaftsgeschichte.

Kühlschrankkultur, Single-Frau
Die neue „Kühlschrankkultur", in der sich jeder nimmt, was er am liebsten ißt, sei nur ein trügerischer Garant für die existentielle Leichtigkeit des Essens. Hier handele es sich vielmehr um ein mit dem Argument der Effizienz kaschiertes soziales Vermeidungsverhalten. Daß es statistisch insbesondere junge Mädchen sind, die es bei Tisch nicht lange aushalten und den „schnellen Happen" bevorzugen, hält Kaufmann offenbar für einen genetisch programmierten Tribut an die Emanzipationsgeschichte. Das Verhalten sei die Revanche für Jahrhunderte, in denen die Frauen an den Herd gefesselt waren.

Typ Mann: Handlanger
Männer sind es, die ihnen auch heute wieder die Früchte der Freiheit vergiften - nein, nicht „die" Männer, sondern eine besondere Spezies Mann. Kaufmann nennt ihn den „Handlanger". Handlanger sind jene neuen Männer, die sich nicht mehr damit begnügen, am gedeckten Tisch Platz zu nehmen - „sie helfen ein bißchen". Damit machen sie freilich alles nur noch schlimmer. Weil die Frau jetzt nicht nur wie bisher die Arbeit hat, sondern dem Mann auch noch das schlechte Gewissen abgenommen ist. Die erstaunliche Überlebensfähigkeit des sogenannten „Ersatzspielers" bietet eine unbeabsichtigte Erklärung für die von Kaufmann beobachtete weite Verbreitung der Spezies „Singlefrau".

Von der Tischordnung zur Kühlschrankkultur
"Früher versammelte sich die Familie regelmäßig bei Tisch, um gemeinsam zu essen. Dies konnte nur so sein, weil die Frau, mit ihren Töpfen bewaffnet und an ihren Herd gefesselt, sich mit Leib und Seele diesem Hausfrauenwerk widmete. Heute gibt es ein weiteres Haushaltsgerät, das die Ausgangslage verändert: den Kühlschrank. (...). Als (...) die Emanzipationsbewegung der Frauen und das Angebot von Fertiggerichten (...) zusammenkamen, ereignete sich eine zwar diskrete, aber nichtsdestoweniger spektakuläre Verschiebung. Von da an stand der Kühlschrank (anstelle des Herdes) im Zentrum der häuslichen Nahrungsorganisation. Gemäß ihrem Rhythmus und nach Belieben öffnen die einzelnen Esser die Kühlschranktür und nehmen sich etwas zu essen heraus. Das Naschen ist zu Hause ebenso bequem (und verlockend) geworden wie im öffentlichen Raum" (S.56f.)

Der moderne Esser
Der moderne Esser "geht aus dem Zusammentreffen dreier Kräfte hervor, die im Zentrum der fortgeschrittenen Moderne stehen: der Emanzipation der Frauen, die versuchen die Belastungen durch den Haushalt zu vermindern, der Autonomie der Individuen, die versuchen, der Disziplin der Tischgemeinschaft zu entkommen, und dem immer größeren Angebot an neuen Produkten und Dienstleistungen." (S.54)


Exkurs:
Was auf den Tisch kommt, wird gegessen
"Am Schlimmsten war es mit dem Essen. Aus irgendeinem Grund wurde mir schon beim Riechen einer Mehlsauce, die man damals über alle Gemüse goß, aber auch bei den damals üblichen dicken Fleischsaucen, übel. Es wurde mir übel schon beim Betreten der Küche. Trotzdem mußte ich mitessen, sitzen bleiben, bis der letzte Bissen weg war, auch wenn es zwei Stunden dauerte. Manchmal gelang es mir zwei- oder dreimal mit vollem Mund, schon bei Tisch halb erbrechend, auf die Toilette zu rasen und das im Mund Gestapelte herauszukotzen.
Da ich im Rohzustand fast alles Gemüse und Fleisch aß, bat ich meine Mutter, die Sachen für mich nur im Wasser aufzukochen oder rasch anzubraten, saucenfrei. Mein Vater empfand das als Extrawurst. »Ausgerechnet der Jüngste«, sagte er. »Jeder ißt, was auf den Tisch kommt.« (Es gibt Lernprozesse: ich habe meiner Tochter in den zwölf Jahren nicht einen einzigen Löffel aufgedrängt; lieber als auch nur einen Teil jener Qual und Angst zu erleiden, die mir das Mittagessen jeweils einflößten, soll sie, so oft sie will, ihre Pizzen und Spaghetti essen). Noch jetzt bleibt es mir dabei ein Rätsel, wie jemand, von dem ich nie auch nur ein einzig lautes und grobes Wort gehört habe, sich bei Tisch so unduldsam verhielt. Daß einem aus dem Proletariat Aufgestiegenen, der Hunger und Entbehrung am eigenen Leib bis zur Invalidität durchgemacht hatte, jedes weggeworfene Stück Brot und jedes verschmähte Gericht ein Sakrileg war: ich hätte schon damals vielleicht dieses Argument verstanden; aber bei Tisch wurden wir Kinder beim Reden ja nur zugelassen, wenn wir gefragt wurden. Und so unterblieb dieses Gespräch, weil nach Tisch alle Beteiligten sich freuten, daß das Theater vorbei war. (1981, S.44f.)


Der Geschlechterunterschied
KAUFMANN stellt klar, dass auch heute - trotz aller Emanzipationsbestrebungen - noch die Frau die tragende Rolle in Küche und bei Tisch inne hat. Dies gilt umso mehr, je kleiner die Kinder sind.
Beim Mann unterscheidet KAUFMANN drei Rollen: den Pascha, den Handlanger und den modernen Helden. Das Engagement in der Küche ist beim Pascha am geringsten und beim modernen Helden am höchsten. Um die höchste Stufe des männlichen Küchenchefs zu erreichen, ist eine Phase des Alleinlebens hilfreich.
Ein Problem sieht KAUFMANN darin, dass die Weitergabe kulinarischer Techniken von Generation zu Generation durch die Emanzipationsbestrebungen der Frauen nicht mehr reibungslos verläuft. Klagen darüber, dass junge Frauen ihre Frau nicht mehr in der Küche stehen können, weil in der Herkunftsfamilie das nötige Rüstzeug nicht mehr vermittelt wird, nehmen auch hierzulande wieder zu.

In einem von zehn Haushalten der zweiten Moderne, in der wir leben, ist es der Mann, der die Rolle des Küchenchefs übernimmt – so der Befund des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmanns. Neben diesem männlichen Star, der selten die häusliche Bühne der Küche betritt, findet sich dann noch der Handlanger, der das Gemüse schält, und der Pascha, der sich, unter dem Vorwand der Unbegabtheit, hemmungslos bedienen lässt. Ansonsten ist es nach wie vor die Frau, die durch die einsame Arbeit in der Küche die Errichtung des Familienzusammenhalts betreibt.

Situatives Ess-Individuum vs. Familientisch
Das Subjekt steht vor dem Dilemma, sich für das Gemeinschaftsmahl am Familientisch zu entscheiden oder seine individuelle Esslust, als Einzelgänger, aus dem Kühlschrank und seinen Vorräten zu stillen. Diese kaum begründbare Entscheidung zwischen der Hingabe an die Gruppe und der Herausbildung individueller, impulsiver Lust ist das Kennzeichen eines Individuums, das eine Lebenswelt mit einer Komplexität ohnegleichen zu bewältigen hat. Erschwert wird die Entscheidung noch durch den kaum auflösbaren Konflikt zwischen der Idee vom freien Individuum, das seine Entschlüsse rational trifft, und dem von Trieben und Wünschen gesteuerten Subjekt, das seine »kleinen Passionen« auslebt – wozu die Koch- wie die Esspassion gehören. Die Arbeit in der Küche und das Miteinander am Familientisch stellen, so gesehen, ein geradezu ideales Experimentierfeld dar. Vielleicht ist nur das Feld von Sexualität und Liebe von vergleichbarer soziologischer Bedeutung.

Mit anderen Worten: Man muss, bei der Analyse der Entscheidungsmechanismen in der Gesellschaft, damit rechnen, dass das moderne Individuum nicht vom Gehirn allein gesteuert, sondern vielmehr ein alles fressender Primat ist, der von Fett und Zucker angezogen wird. Der Mensch ist das Tier, das kocht. Seine Strategien kultureller Selbstkonstruktion entspringen dieser unauflösbaren Zwiespältigkeit des »bipolaren Menschenaffen« (de Waal). Es ist die Kunst der kleinen Arrangements, des fortgesetzten Experimentierens, der flüchtigen kognitiven Basteleien, auf die es ankommt.

Forschungsinstrument und Vorgehensweise (gut für uns als Basis)
Das Forschungsinstrument, dessen Kaufmann sich bedient, nennt er das »verstehende Interview«: ein Gespräch, keine Befragung nach Statistik und Checkliste, mit nicht mehr als 22 Testpersonen, das in minutiöser Weise nachträglich von den soziologischen Interviewern in »dichter Beschreibung«, ausgewertet wird.

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